Aus Leisetreter wird Tastenlöwe

 

Chopin und Rachmaninow. Hier ist Tebenikhin in seinem Element. Hier kann er schier unerschöpflich ausspielen, was sein Spiel so faszinierend macht: den an russischen Konservatorien offenbar noch immer kultivierten goldenen Ton und sparsam dosierten, aber dafür umso affektvolleren Klavierdonner. Was bei der vierten Chopin-Ballade sich zu einem klug strukturierten Triumphgesang emporschwang in Rachmaniniws zweiter Klaviersonate wurde es zur Passion.

Wie Tebenikhin aus diesem stimmendurchwirkten Bandwurm thematische Bezüge schälte, die polyphonen Finessen aufdeckte, etwa wie das Theme des ersten Satzes als Kontrapunkt des Finale-Kopfthemas auftritt, das war schon großartig. Mit den zauberhaft singenden Pianissimi des Lento hatte Tebenikhin längst überzeugt. Wie er sich ebenso todesmutig wie farbenfroh ins orchestrale Glockengeläut und in die Barkarolen stürtzte, machte mächtig Eindruck. So sehr, dass er in seinen Zugaben endgültig zum Berserker werden musste. Mit pianistischen Vorzeige-Reißern wie Chopins Etuden-Opener aus Opus 10 oder der motorischen Toccata von Prokofiev. Letzere stampfte derart ungestüm und kontrastreich aus dem Flügelkasten, dass der Schlussapplaus nicht minder frenetisch ausfiel. Bravo!


Markus Küper,  Westfälische Nachrichten  (19.12.2006).