Blitzsauber Musik – Amir Tebenikhin spielt beim Klavierfestival Ruhr in Dortmund


Dortmund. Selbst in der Klassik, so wird oft beklagt, zählten Show und Marketing heute mehr als die eigentliche Kunst. Nicht zu leugnen ist, dass beides hilft bei der Karriere. Dennoch gibt es immer wieder auch Totalverweigerer, die nichts als ihre Kunst zu geben bereit sind und trotzdem erfolgreich sind. Der Pianist Amir Tebenikhin, Jahrgang 1977, geboren in Moskau und aufgewachsen in Kasachstan, fällt in diese Kategorie. Alles überflüssige Getue scheint ihm zuwider. Schnurstracks geht er zu seinem Flügel und spielt los – ohne große Gesten, ohne theatralisches Minenspiel, einfach nur auf die Musik konzentriert. Im vergangenen Jahr hat Tebenikhin diese introvertierte Musizierhaltung immerhin den ersten Platz beim George-Enescu-Klavierwettbewerb in Bukarest eingebracht – und in der Folge einen Debütabend beim Klavierfestival Ruhr.

Tebenikhin spielt im Amphisaal des Harenberg-Hochhauses. Der passt gut zu ihm. Räumlich wie akustisch ist er dort ganz nah an seinem Publikum. Von der Musik kann so keine Nuance verloren gehen. Und zu verbergen hat der ausgezeichnete Techniker ganz gewiss nichts. Dennoch: Die gängigen Messlatten für flinke Virtuosenfinger mag Tebenikhin nicht auflegen.

Das Programm wirkt auf den ersten Blick sogar eher unspektakulär: Eine von Bachs Französischen Suiten, eine Schumann-Sonate., die ziemlich untypisch selten zu hören ist (Nr. 3, f-moll) und schließlich eine ganze Hälfte mit vier Chopin-Scherzi – immerhin diese gehören zum populären Virtuosen-Repertoire. Der Pianist gestaltet, wie er auftritt: unprätentiös, ernsthaft, penibel. Die Bach-Suite erklingt technisch blitzsauber, fein durchanalysiert und ein wenig sachlich. Schnell wird klar: Tebenikhin ist niemand, der aus dem Bauch heraus interpretiert. Alles ist intelligent strukturiert, aber nicht gefühlskalt.

Mit Schumann und Chopin wird der Pianist beinahe zum Schwärmer – in jedem Fall aber zum sensiblen Klangmaler mit Temperament. Letzteres lebt er in der Zugabe in Dortmund voll aus: Mit Prokofjews D-moll-Toccata liefert Tebenikhin einen furiosen Abschluss zu einem durchweg lohenden Abend. Auf ein Wiedersehen ist in jedem Fall zu hoffen.


Karsten Mark Westfälischer Anzeiger 17. Mai 2010,